Es klingt wie eine Success-Story aus dem Silicon Valley – made in Germany. Die Brüder Janusch und Thomas Lisson aus dem Kreis Heinsberg programmieren bereits während ihrer Schul- und Studienzeit Computerspiele. Als ihr erstes, 1996 online veröffentlichtes Spiel von einer Computerzeitschrift entdeckt wird und als CD-Beilage erscheinen soll, muss spontan ein Unternehmensname her. Sie kombinieren kurzerhand ihre Initialen – und JTL ist geboren.
Als kostenlose Plattform für die selbst entwickelten PC-Spiele geht 2001 die erste JTL-Homepage online. Was als digitale Spielwiese beginnt, nimmt schon bald eine unerwartete unternehmerische Wendung: Das Programmiertalent der Brüder spricht sich herum. Ein Bekannter bittet sie, für seinen Betrieb ein Warenwirtschaftssystem zu entwickeln. Sie sagen zu, programmieren die Lösung – und schlagen damit das erste Kapitel einer bemerkenswerten Unternehmensgeschichte auf.
Denn die Software trifft einen Nerv. Der Onlinehandel nimmt Fahrt auf, doch vielen Händlern fehlen geeignete Werkzeuge, um Artikel, Bestände und Bestellungen effizient zu verwalten. Janusch und Thomas Lisson stellen ihre Warenwirtschaft unter dem Namen „eazySales“ kostenlos zur Verfügung. Erste Anfragen lassen nicht lange auf sich warten. Immer mehr Händler greifen auf die Software zurück, geben Feedback und formulieren neue Anforderungen. Über ein eigens eingerichtetes Forum fließt dieses Feedback unmittelbar in die Produktentwicklung ein – der Grundstein für den Community-Gedanken, der JTL bis heute prägt.
Die Brüder reagieren auf die Wünsche: Sie erweitern ihre Warenwirtschaft, entwickeln ein eigenes Shopsystem und schaffen Anbindungen an wichtige Verkaufsplattformen. Aus der Nähe zum Handel entsteht über die Jahre ein immer umfassenderes Angebot. Zur Warenwirtschaft kommen Lösungen für Onlineshops, Marktplätze, Lagerverwaltung, Versand und Fulfillment hinzu. Durch eigene Entwicklungen und Akquisitionen wächst das Portfolio zudem um Anwendungen für Retourenmanagement, Preismonitoring und Buchhaltung. So entsteht ein Ökosystem, das nahezu die gesamte Wertschöpfungskette des Onlinehandels abbildet.
Für Sebastian Evers ist diese ganzheitliche Perspektive ein wesentlicher Teil der Innovationskultur des Unternehmens. „Wir denken nicht in einzelnen Softwarelösungen, sondern immer im gesamten Prozess, den ein Onlinehändler durchläuft“, erklärt der Manager, der JTL seit Mai 2024 als CEO führt. Heute vertrauen mehr als 15.000 zahlende Kunden sowie über 500 Tech- und Servicepartner in Europa auf das JTL-Ökosystem. Für 2026 peilt die Gruppe, die inzwischen mehr als 450 Mitarbeitende beschäftigt, einen wiederkehrenden Umsatz von 80 Millionen Euro an. Im kommenden Jahr soll die Marke von 100 Millionen Euro überschritten werden.
Agentic KI und Cloud im Fokus
Im Mittelpunkt der Produktentwicklung stehen vor allem zwei Innovationsfelder. Zum einen will JTL sein Ökosystem konsequent zu einer cloudnativen Plattform weiterentwickeln. Die Lösungen sollen durchgängig cloudbasiert, einfach nutzbar und mit dem Geschäft der Händler skalierbar sein. Ein weiterer Fokus liegt auf KI-Agenten, die künftig wiederkehrende Prozesse zunehmend autonom übernehmen sollen – vom Auftragsmanagement über den Kundenservice bis zur Datenpflege.
Der These, KI könne etablierte Softwarelösungen überflüssig machen, erteilt Evers eine Absage und sieht JTL vielmehr gestärkt. Die Lösungen seien tief in den geschäftskritischen Prozessen der Händler verankert, sodass KI direkt in bestehende Abläufe integriert werden könne. Langjähriges Prozesswissen und das Vertrauen der Anwender schafften zudem die Voraussetzungen, neue KI-Funktionen schneller, sicherer und nachvollziehbarer bereitzustellen als rein KI-basierte Anbieter.
Eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung sieht der JTL-CEO dabei in der starken Partnerbasis. „Aus der Nähe zu unseren Anwendern ist über die Jahre eine lebendige Community gewachsen.“ Regelmäßige Stammtische, gemeinsame Design Sprints und die Teilnahme an Marktplatzveranstaltungen wie den Roadshows von eBay, Kaufland oder Otto sichern den direkten Kontakt zur Praxis. Über den Austausch mit Händlern und Partnern erhält JTL so kontinuierlich Feedback, das unmittelbar in die Produktentwicklung einfließt.
Auch strukturell setzt das Unternehmen konsequent auf sein Netzwerk: Beratungs- und Implementierungsleistungen übernimmt nicht ein eigener Professional Service, sondern die Servicepartner im Ökosystem. Damit vermeide man Konkurrenzsituationen, schaffe Vertrauen und halte das eigene Geschäftsmodell skalierbar, so Evers. Den Community-geprägten Ansatz will JTL auch künftig fortführen und verstärkt neue Partner gewinnen, die das Ökosystem erweitern. „Unser Anspruch ist es, dass die Nähe zu Händlern und Partnern mit uns mitwächst, je größer wir werden“, so Evers.
Eine zentrale Rolle für den Austausch innerhalb des Ökosystems spielt die „JTL Connect“, die am 2. Oktober in der Event-Location XPost in Köln stattfindet. Das Format bringt Onlinehändler, Partner und Mitarbeitende zusammen. Für Evers, der in diesem Jahr mit rund 2000 Teilnehmenden rechnet, liegt der Wert der Veranstaltung im direkten Austausch innerhalb des gesamten Ökosystems, weil „daraus ein konkretes Verständnis dafür entsteht, was unsere Kunden und Partner bewegt.“
Thematisch richtet JTL dabei den Blick auf agentische KI und Cloud-Anwendungen. Mit „Juno“, dem Fundament der KI-Strategie, zeigt das Unternehmen, wie sich KI-Agenten etwa im Kundenservice oder beim Marketplace Listing konkret einsetzen lassen. Damit werde deutlich, dass „agentische KI bei JTL kein abstraktes Zukunftsthema ist, sondern schon heute konkret nutzbar ist“, betont Evers. Zugleich soll ein einfach buchbares SaaS-Angebot für das JTL Cloud ERP Händlern einen unkomplizierten, vollständig browserbasierten Einstieg ermöglichen.
Für den JTL-CEO sind diese Entwicklungen wichtige Bausteine für den weiteren Ausbau des Ökosystems. Ob Cloud ERP, KI-Agenten oder europäisches Partnernetzwerk: Getreu dem Motto „Connected to evolve.“ soll sich der Wachstumskurs auch künftig an den Anforderungen der Händler orientieren – und damit an jenem Prinzip, das die Geschichte von JTL von Beginn an prägt.











