Ein Blick in die Textilindustrie gibt Antworten, die weit über Mode hinausgehen. Nur ein Prozent der weltweit produzierten Kleidung wird recycelt, 87 Prozent landen in der Verbrennung. Gleichzeitig wächst der globale Bekleidungsmarkt auf knapp 1,7 Billionen Euro – das Interesse an nachhaltiger Mode steigt, zumindest auf dem Papier. In der Praxis sieht es anders aus. Denn was dort passiert, kennt der Einkauf auch aus anderen Bereichen: bei Büromöbeln, IT-Ausstattung oder Arbeitskleidung.
Scheitern trotz gutem Produkt
Zu den häufigsten Problemen zählten verspätete Zahlungen von Geschäftskunden, hohe Mindestbestellmengen bei Lieferanten, kaum planbare Auftragsmengen und eine starke Abhängigkeit von wenigen Partnern in der Lieferkette. Dazu kam etwas, das auf den ersten Blick überraschte: ein ausgeprägter Mangel an Zusammenhalt innerhalb der Branche. Wer in Schwierigkeiten geriet, stand oft allein da. Was diese Unternehmen letztlich traf, entstand nicht nur durch eigene Fehler. Es entstand zu einem großen Teil durch die Logik des Einkaufs auf der Kundenseite.
Das Problem steckt im System
Klassische Beschaffung denkt in Stückpreisen, Verfügbarkeit und Planbarkeit. Zirkuläre Angebote passen in dieses Muster selten gut. Sie sind in der Anschaffung teurer. Sie funktionieren oft über Nutzungs- oder Servicemodelle statt über Einmalkauf. Und recycelte oder regional produzierte Materialien sind nicht immer in gleichbleibenden Mengen verfügbar. Das führt dazu, dass solche Optionen im Auswahlprozess strukturell benachteiligt werden. Nicht weil niemand sie will, sondern weil die Bewertungskriterien nicht zu ihnen passen.
Dieses Muster kennt der Einkauf von Arbeitstextilien, Büromöbeln oder Reinigungsmitteln genauso: Ein langlebiger Arbeitsstuhl kostet mehr in der Anschaffung, hält aber doppelt so lang. Ein Wäscheleasing-Modell für Berufsbekleidung verändert die Kostenstruktur, kann aber über die gesamte Nutzungsdauer günstiger sein. Solange nur der Einkaufspreis zählt, haben diese Lösungen kaum eine Chance.
Drei Hebel, die wirklich etwas verändern
Wer das ändern will, muss nicht das ganze System umbauen. Drei konkrete Ansätze helfen:
Bewertung erweitern. Neben dem Preis sollten Lebensdauer, Reparierbarkeit und Gesamtkosten über den Nutzungszeitraum in die Entscheidung einfließen. Ein Produkt, das dreimal so lang hält, ist beim doppelten Preis schlicht günstiger.
Mengenlogik überdenken. Hohe Mindestbestellmengen und starre Lieferbedingungen sind eine reale Hürde für kleinere, nachhaltige Anbieter. Pilotprojekte, flexible Verträge oder gemeinsame Bestellungen mit anderen Unternehmen können das aufbrechen.
Früher zusammenarbeiten. Viele Probleme entstehen, weil Lieferanten zu spät eingebunden werden. Wer nachhaltige Anbieter frühzeitig in Planungsprozesse einbezieht und auf längere Partnerschaften setzt, schafft Stabilität auf beiden Seiten.
Der Einkauf als Treiber einer Kreislaufwirtschaft?
Zirkuläre Ansätze gehen noch einen Schritt weiter: Sie denken Nutzung, Rückgabe und Wiederverwertung von Anfang an mit. Ein Möbellieferant, der seine Produkte am Ende zurücknimmt und aufarbeitet. Ein Textildienstleister, der Berufsbekleidung verleiht, reinigt und erneuert. Ein IT-Anbieter, der gebrauchte Geräte aufbereitet und weitervermietet. Diese Modelle existieren bereits. Sie brauchen aber Einkaufsverantwortliche, die bereit sind, anders zu bewerten, anders zu verhandeln und anders zu planen. Oft scheitert es an Strukturen, die sich jedoch ändern lassen. Und der Einkauf mit seinem obersten Ziel der Versorgungssicherheit kann genau der Ort sein, wo diese Veränderung beginnt – idealerweise in enger Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen aus F&E bzw. dem Produktdesign.
Wer das ändern will, muss nicht das ganze System umbauen. Drei konkrete Ansätze helfen für den Einstieg. Wer wissen möchte, wo der eigene Einkauf in Vorbereitung auf eine zirkuläre Beschaffung steht, nutzt den Schnelltest (vgl. Abbildung „ Schnelltest“, S.12).
Quellen: Dieser Beitrag basiert auf: Hofmann, O. / Yildiz, Ö.: „Between Lack of Cooperation and Funding Gaps.“ In: Kenel et al. (Hg.): Fair Fashion? transcript Verlag 2025. Open Access: transcript-open.de/isbn/7666
Arbeitsgruppe Zirkuläre Beschaffung
Wer diese Themen weiter vertiefen und interdisziplinär diskutieren möchte, kann sich in der Arbeitsgruppe Zirkuläre Beschaffung des JARO Instituts einbringen. Die AG bringt Praktikerinnen und Praktiker aus dem Einkauf zusammen, die sich mit genau diesen Fragen beschäftigen: Wo liegen die größten Hürden in bestehenden Prozessen? Welche Lösungen funktionieren bereits? Und wie lassen sich zirkuläre Ansätze realistisch und praxisnah umsetzen? Der Austausch lebt von konkreten Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag, deswegen sind neue Perspektiven und eigene Fragestellungen ausdrücklich willkommen.Mehr Infos zu Mitgliedschaft und Teilnahme gibt es online.
https://jaro-institut.de/mitglieder/
RESOURCICA 2026 - Souverän wirtschaften
Viele dieser Herausforderungen lassen sich nicht isoliert lösen, denn sie entstehen im Zusammenspiel von Lieferketten, Märkten und politischen Rahmenbedingungen. Genau hier setzt die RESOURCICA 2026 an. Vom 24. bis 26. September 2026 in Dresden bringen wir als das JARO Institut Entscheiderinnen und Entscheider aus Einkauf und Supply Management zusammen, die in einer neuen Realität Verantwortung übernehmen. Die RESOURCICA bietet Raum für Austausch, neue Perspektiven und konkrete Ansätze aus der Praxis. WLLnews ist Medienpartner des Events. Weitere Informationen gibt es online.










