Seit über einem Jahrzehnt geht die internationale Initiative Two Sides gegen Werbebotschaften vor, die den Umstieg auf digitale Kommunikation mit vermeintlichen Umweltargumenten begründen. Nach Angaben der Organisation haben inzwischen 1500 Unternehmen weltweit nach Gesprächen mit Two Sides entsprechende Aussagen zurückgezogen oder überarbeitet. Allein in Europa seien es mehr als 950 Organisationen, darunter Marken wie Acerta, Barclays und TSB.
Banken, Versorger, Einzelhändler, Versicherer und öffentliche Stellen fordern ihre Kundschaft laut Two Sides zunehmend mit Slogans wie „Go Green – Go Paperless“ oder „Entscheiden Sie sich für die elektronische Rechnungsstellung und retten Sie einen Baum“ zum Wechsel auf digitale Kommunikation auf. Two Sides argumentiert, dass diese Botschaften meist ohne belastbare Belege auskommen und in erster Linie der Senkung von Betriebskosten dienten, nicht dem Umweltschutz.
Verbraucherumfrage als Argumentationsbasis
Two Sides stützt seine Argumentation zudem auf den europaweit erhobenen Trend Tracker Report 2025. Demnach seien 56 Prozent der europäischen Verbraucher der Ansicht, dass die für die Digitalisierung angeführten Umweltargumente unaufrichtig seien und primär auf Kostensenkung abzielten. 76 Prozent wollen laut Umfrage selbst entscheiden, in welcher Form sie Mitteilungen erhalten, und lehnen einen erzwungenen Wechsel zu rein digitalen Kanälen ab.
Ursprünglich hatte sich die Kampagne auf Anti-Papier-Botschaften in der Kundenkommunikation konzentriert. Inzwischen nimmt Two Sides auch Umweltaussagen im Verpackungsbereich in den Blick. Kritisiert werden dort Behauptungen, alternative Fasermaterialien seien grundsätzlich nachhaltiger als Papier aus bewirtschafteten Wäldern, oder der Verzicht auf Papierverpackungen reduziere die Umweltbelastung automatisch.
Wirtschaftliche Dimension der Debatte
Die Druck-, Papier- und Papierverpackungsbranche habe in den vergangenen Jahren in nachhaltige Forstwirtschaft, verantwortungsvolle Produktion und Recycling-Infrastruktur investiert, sei jedoch weiterhin mit unzutreffenden Behauptungen konfrontiert, die suggerierten, dass der Verzicht auf Papier automatisch der Umwelt zugutekomme. Two Sides verweist außerdem auf die wirtschaftliche Bedeutung der Branche: In Europa sichern Druck, Papier, Verpackung und Forstwirtschaft nach Angaben der Organisation über 640.000 Arbeitsplätze in 112.000 Unternehmen. Eine von Two Sides in Auftrag gegebene Studie beziffert die möglichen jährlichen Verluste durch „Greenwashing“ im europäischen Versand- und Postsektor auf mehr als 337 Millionen Euro – bedingt durch geringere Papiermengen und schwindendes Verbrauchervertrauen.
Jonathan Tame, Geschäftsführer von Two Sides Europe, sagt, die meisten Unternehmen wollten Kunden nicht absichtlich täuschen. Umweltbehauptungen müssten jedoch auf Fakten beruhen. Die Aussage, digitale Lösungen retteten automatisch Bäume oder seien stets die umweltfreundlichere Option, vereinfache ein komplexes Thema zu sehr. Auch im Verpackungsbereich sollten Behauptungen zur Nachhaltigkeit einzelner Faserquellen durch Lebenszyklusdaten belegt sein.
Tame verweist zudem auf strengere EU-Vorgaben wie die Richtlinie über umweltbezogene Angaben und den Kodex für umweltbezogene Angaben. Organisationen trügen damit eine wachsende Verantwortung, Umweltaussagen korrekt, fundiert und transparent zu formulieren.









