Es war ein Tag, auf den das Team lange hingearbeitet hat: Die Eröffnung des neuen Geschäfts war „eine gelungene Veranstaltung", wie Geschäftsführer Andreas Schert betont. Kunden und Lieferanten waren da, abends wurde gegrillt. Und obwohl der Betrieb gerade erst wieder gestartet ist, fühlt sich das Team bereits heimisch in der neuen Ausstellung – die jetzt vollständig klimatisiert ist, „was sehr angenehm ist angesichts der Jahreszeit". Damit ist ein Kapitel abgeschlossen, das im Juni 2024 mit einer einzigen Nacht begonnen hatte.
Rückblick: Die Flutnacht
Schorndorf liegt im Rems-Murr-Kreis, etwa 30 Kilometer östlich der Landeshauptstadt Stuttgart. Anfang Juni 2024 wurde die Region zum Katastrophengebiet, nachdem über der Region ein extremer Starkregen eingesetzt hatte. Für Büro-Schlang kam es in dieser Nacht knüppeldick. „Das ist in der Nacht von Sonntag auf Montag passiert. Wir sind Montagmorgen zur Arbeit gekommen und haben gesehen, was die Wassermassen mit dem Fachmarkt gemacht hatten", erinnert sich der Inhaber.
Die hinter dem Fachmarkt fließende Wieslauf, die normalerweise einen Pegel von rund 40 Zentimetern führt und deren bisheriger Höchststand bei 3,20 Metern lag, stieg in dieser Nacht auf 5,20 Meter. Das Wasser verließ sein Bett und floss von vorne in den Fachmarkt. „Wäre der Bach in seinem Lauf geblieben, wäre das Gebäude aller Wahrscheinlichkeit nach sogar trocken geblieben“, so Scherts Beobachtung.
Im Gebäude stand das Wasser im Schnitt 1,20 Meter hoch – kein klares Quellwasser, sondern Schlamm. Andreas Schert: „Im Grunde war alles verloren.“ Bitter: Ausgerechnet 2024 hätte das Unternehmen sein 30-jähriges Bestehen am Standort feiern können.
Büro-Schlang war mit seinem Schicksal aber nicht allein. Die Hochwasser- und Starkregenereignisse im Juni 2024 sollen im Rems-Murr-Kreis Schäden in dreistelliger Millionenhöhe verursacht haben. Allein in Schorndorf schätzt man den gesamten Sachschaden auf 35 Millionen Euro. Zudem forderte die Katastrophe zwei Todesopfer.
Die erste Reaktion: Reset-Taste gedrückt
In der ersten Woche war an Verkauf nicht zu denken. „Wir waren alle nur damit beschäftigt, mit der Schaufel alles in Schuttcontainer zu verfrachten." Trotzdem dachte Schert sofort nach vorn: „Das Erste, was ich gemacht habe, war, einen neuen Server zu bestellen."
Der Notbetrieb lief in mehreren Stufen an: Zuerst richtete das Team in der geräumten Einliegerwohnung eines Privathauses ein Behelfsbüro mit fünf Arbeitsplätzen ein und arbeitete im Schichtbetrieb – rund drei Wochen lang. Danach folgte der Aufbau einer Bürocontaineranlage auf dem Parkplatz vor dem Fachmarkt, die in der letzten Ausbaustufe aus elf Containern mit rund 150 Quadratmetern bestand. „Dieser Behelf stand für rund 22 Monate. Das hätte keiner gedacht, dass das so lange dauert."
Neuaufbau statt Rekonstruktion
Als es an den Wiederaufbau ging, war für Schert schnell klar: „1:1 das Ganze wieder so aufzubauen, wie es vorher war, wäre nicht klug." Vorher war Büro-Schlang ein Fachmarkt mit Fokus auf Bürobedarf und einem vergleichsweise kleinen Ausstellungsbereich für Büroeinrichtung und Medientechnik. Die Halle wurde komplett entkernt, in den Rohbau zurückversetzt und neu ausgebaut. Heute nutzt das Unternehmen bewusst nur noch einen Teil des Gebäudes – und das aus zwei Gründen:
Der eine ist der Rückgang im Bürobedarfsbereich, den Schert nüchtern als Branchenentwicklung einordnet. Jetzt gibt es bei Büro-Schlang noch 350 Topartikel zur direkten Mitnahme, alles andere ist bestellbar und innerhalb von ein bis zwei Tagen da. Eine Neuerung ist dabei auffällig: die große, internetfähige Abholstation vor dem Haus, die rund um die Uhr für die Kunden zur Verfügung steht. Nach Befüllung durch die Mitarbeiter kommuniziert sie selbstständig mit den Kunden – sie verschickt automatisch eine Mail, dass der Artikel abgeholt werden kann, dazu eine PIN und einen QR-Code zur Legitimation, und sie erinnert per Mail, wenn der Kunde die Ware nicht abholt.
Der zweite Grund ist der reduzierte Lagerbedarf. Nach dem Hochwasser liefen die laufenden Bestellungen für Kunden bei den Herstellern natürlich weiter – und die Lieferungen stauten sich. Schert leitete sie kurzfristig an eine örtliche Spedition mit Lagerfläche um. Das Verfahren funktionierte so gut, dass „eigentlich niemand mehr zurück zur alten Situation will“, so Schert.
Vom Fachmarkt zum Erlebnis-Showroom
Entstanden ist ein moderner Erlebnis-Showroom mit den Schwerpunkten Büroeinrichtung und Bürotechnik, in den die Bürobedarfsprodukte nur noch „eingestreut" sind. In Sachen Technik konzentriert sich Büro-Schlang ganz klar auf Medientechnik. Drucken ist für das Fachhandelsunternehmen kein Thema. Gefragt, so die Erfahrung von Andreas Schert, sei vor allem Technik für hybride Meetings, Touchdisplays und Besprechungsräume.
Die Ausstellung ist als Rundgang konzipiert und bildet eine breite Palette an Einrichtungssituationen ab: vom repräsentativen Besprechungsraum über Lounges und ein Work-Café bis zum Kreativ-Raum. Mehr Lounge-Möbel als früher gehören bewusst dazu. „Während wir den Kunden die verschiedenen Varianten zeigen, setzen wir uns auf unserem Rundgang immer wieder in die verschiedenen Zonen, um zu verdeutlichen, wie unterschiedlich die Atmosphäre dabei für die Mitarbeiter ist."
Bewusst entschieden hat sich Schert gegen einen Living Showroom: Der eigene Arbeitsbereich des Teams ist mit Glastrennwänden von der Ausstellung abgeschirmt. Jeder Mitarbeiter sitzt dort an einem anderen Schreibtisch und auf einem anderen Stuhl – optisch abgestimmt, aber bewusst vielfältig, um bei Bedarf die Bandbreite des Sortiments zeigen zu können.
Das Herzstück: der „Sitzpilot"
Mit besonderer Leidenschaft widmet sich Büro-Schlang schon immer dem Thema Bürostühle – und dafür hat sich Andreas Schert etwas Eigenes ausgedacht. Der Hintergrund: Kunden wollen sich seiner Erfahrung nach häufig erst alleine informieren, probesitzen und testen. Das Problem dabei: Setzt sich jemand auf einen nicht optimal eingestellten Stuhl, wird das Modell schnell zu Unrecht als „passt nicht" abgetan.
Seine Antwort heißt Sitzpilot – ein interaktiver Bürostuhlberater. In einem eigenen Bereich der Ausstellung muss der Kunde den Stuhl seiner Wahl nur auf einen auffälligen roten Punkt schieben. Der Stuhl wird automatisch erkannt, und sofort läuft auf einem Bildschirm das passende Erklärvideo zu exakt diesem Modell. Die nächste Ausbaustufe hat Schert auch schon im Kopf: eine Kamera, die Rückmeldung gibt – Motto: „Die Sitzfläche ist noch zu tief eingestellt."
Damit will er zusätzliche Argumente für den stationären Facheinzelhandel bieten: „Die Herausforderung ist, dass die Leute zu uns kommen zum Probesitzen und nicht irgendwo online einen Stuhl bestellen, den sie nur vom Bildschirm her kennen." Der Sitzpilot, so Schert, sei der Versuch, den stationären Handel mit einem digitalen Event aufzuwerten. 20 Stuhlmodelle stehen direkt zur Mitnahme bereit.
Unterstützung aus dem Netzwerk
Büro-Schlang ist Mitglied beim Büroring und der OfficeStar-Gruppe – und das Netzwerk half. „Es ist natürlich eine schöne Geste der Unterstützung, wenn die Kollegen gleich am ersten Tag anrufen und Unterstützung anbieten." Genutzt hat Schert das Netzwerk vor allem in der zweiten Phase für den inhaltlichen Austausch zum Neuaufbau: Was erwartet der Kunde in fünf Jahren? Jeder Kollege, so Schert, habe natürlich eigene Schwerpunkte – für ihn sei es vor allem darum gegangen, aus den verschiedenen Meinungen etwas herauszuarbeiten, das für das eigene Unternehmen Sinn ergibt.
Das Ergebnis dieses Prozesses kann seit der Wiedereröffnung des neuen Showrooms besichtigt werden.















