Herr Kroehl, welche elementare Bedeutung hat das handschriftliche Schreiben für die Entwicklung von Kindern und Schüler:innen?
Die handschriftliche Schreibfähigkeit spielt eine fundamentale Rolle in der kindlichen Entwicklung, die auch im digitalen Zeitalter ihre Bedeutung behält. Moderne neurowissenschaftliche Forschung belegt eindrucksvoll die besonderen Vorteile des Schreibens mit der Hand.
Das Handschreiben aktiviert komplexe neuronale Netzwerke im Gehirn, die weit über die reine Motorik hinausgehen. James und Engelhard konnten bereits im Jahr 2012 in ihrer wegweisenden Studie „The effects of handwriting experience on functional brain development in preliterate children“ zeigen, dass Kinder nach dem Erlernen von Buchstaben durch Handschreiben eine andere Gehirnaktivierung bei der Buchstabenerkennung aufweisen als beim Tippen auf einer Tastatur. Van der Meer und Van der Weel konnten 2024 in einer wichtigen EEG-Studie belegen, dass das Handschreiben „eine komplexere Gehirnverknüpfung als das Tippen aktiviert, was sich positiv auf das Lernen und das Gedächtnis auswirkt“.
Welche Aspekte sprechen für das Schreiben mit der Hand?
Zwischen der motorischen Erfahrung des Schreibens und der kognitiven Fähigkeit des Lesens besteht ein fundamentaler Zusammenhang. Das Formen von Buchstaben mit der Hand schafft eine körperliche Gedächtnisspur, die über die reine Bewegung hinausgeht. Wenn Kinder Buchstaben handschriftlich erlernen, speichert das Gehirn ihre visuelle Form sowie die Abfolge ihrer motorischen Entstehung ab. Diese doppelte Kodierung – visuell und motorisch – bildet eine robuste neuroanatomische Basis für die spätere Buchstabenerkennung beim Lesen. Kinder, die das Handschreiben beherrschen, entwickeln unter anderem ein tieferes Textverständnis, können flüssiger lesen und verfügen über eine bessere Rechtschreibung. All das fehlt, wenn sie die Buchstaben nur durch Tippen erlernen.
Was passiert beim Aufbau eines inneren Schrift-Lese-Systems?
Das Verbinden von Buchstaben zu Worten beim Handschreiben trainiert die sequenzielle Verarbeitung, die auch beim Lesen essenziell ist. Der Schreibprozess zwingt zur bewussten Analyse der Wortstruktur: Welcher Buchstabe folgt auf welchen? Wie verbinden sich die Formen? Welche Bewegungsabläufe sind nötig?
Diese analytische Durchdringung der Wortstruktur beim Schreiben schafft mentale Repräsentationen, die beim Lesen automatisch abgerufen werden. Das Gehirn „erkennt“ gelesene Wörter teilweise durch die Erinnerung an ihre handschriftliche Entstehung.
Was passiert durch die Erinnerung?
Die Van der Meer & Van der Weel (2024) Studie zeigt, dass Handschreiben komplexe Netzwerke zwischen verschiedenen Gehirnregionen aktiviert. Diese Vernetzung integriert die visuelle Verarbeitung der Buchstabenformen, motorische Kontrolle der Bewegungssequenzen, propriozeptive Rückmeldung, also das Gefühl für Stift und Papier und die kognitive Planung in Form von Wortstruktur und -bedeutung.
Welche Konsequenzen können daraus für das Lernen gezogen werden?
Das Statement verdeutlicht eine pädagogische Kernwahrheit: Schreiben und Lesen sind keine getrennten Fertigkeiten, sondern sich gegenseitig verstärkende Prozesse. Kinder, die das Handschreiben beherrschen, entwickeln oft eine bessere Rechtschreibung durch die motorische „Erinnerung“ an Wortbilder, flüssigeres Lesen durch die vertrauten Buchstabenformen und -verbindungen und tieferes Textverständnis durch die aktive Konstruktion von Bedeutung.
Welchen Einfluss hat das Handschreiben auf das Lernen und die Gedächtnisleistung?
Die wissenschaftliche Evidenz für bessere Lernleistungen durch Handschreiben ist besonders stark. Mueller und Oppenheimer demonstrierten dies 2014 in ihrer einflussreichen Studie „The Pen Is Mightier Than the Keyboard“. Studierende, die sich handschriftliche Notizen machten, erzielten bei konzeptuellen Fragen deutlich bessere Ergebnisse als Studierende, die das Laptop nutzten. Follow-up-Studien bestätigten diese Erkenntnisse zur verbesserten Informationsverarbeitung und Gedächtnisspeicherung.
Inwiefern ist die „geistige Erinnerung“ als Lernverstärker messbar?
Die erwähnte „geistige Erinnerung“ ist neurologisch messbar. Aktuelle EEG-Studien aus dem Jahr 2024 zeigen, dass das Handschreiben „erhöhte Aktivität, speziell in den niedrigen Frequenzbändern Alpha und Theta”, in lernassoziierten Gehirnregionen erzeugt. Der langsamere Schreibprozess zwingt zur aktiven Auswahl und Strukturierung von Informationen, was zu einem tieferen Durchdringen des Lernstoffs führt.
Die Handschrift ermöglicht zudem individuelle Ausdrucksformen, beispielsweise durch die persönliche Gestaltung von Buchstaben, die Verwendung von Skizzen oder die spontane Verbindung von Text und Bild. Diese kreative Komponente geht beim standardisierten Tippen verloren.
Wie sieht es im Bereich der Feinmotorik und der sensomotorischen Fähigkeiten aus?
Die Handschrift trainiert die Feinmotorik der Finger sowie die Hand-Augen-Koordination. Eine Studie von Vinci-Booher et al. (2020) zeigt zudem, dass das Handschreiben durch multisensorische Aktivierung „viel mehr Aktivität in den sensorischen und motorischen Bereichen des Gehirns“ erzeugt. Diese Fertigkeiten sind nicht nur für das Schreiben selbst wichtig, sondern übertragen sich auch auf viele andere Lebensbereiche – vom Zeichnen über das Spielen von Musikinstrumenten bis hin zu präzisen handwerklichen Tätigkeiten.
Welches Fazit ziehen Sie aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen?
Die moderne Neurowissenschaft bestätigt eindeutig, dass die Handschrift als fundamentale Kulturtechnik verstanden werden sollte, die auch im digitalen Zeitalter ihren festen Platz im Bildungssystem behalten muss – nicht als Gegensatz, sondern als sinnvolle Ergänzung zur Digitalisierung.
Gerade in Zeiten der Digitalisierung und KI wird die Handschrift nicht obsolet, sondern gewinnt als Kontrapunkt an Bedeutung. Interessant in diesem Zusammenhang ist ein NPR-Bericht aus dem Jahr 2024, der zeigt, dass digitale Stifte auf Bildschirmen „die gleichen Gehirnwege wie das Schreiben mit Tinte auf Papier” aktivieren – entscheidend ist demnach die Bewegung und nicht das Medium.
Welche Aufgaben und Ziele hat sich die Stiftung Handschrift gesetzt?
Mit aufeinander aufbauenden Projekten verfolgt die Stiftung Handschrift einen systematischen Ansatz zur Förderung der Schreibkompetenz. Die Bildungsinitiative deckt dabei verschiedene Bereiche ab: von der Motivation durch Wettbewerbe über gezielte Einzelförderung bis hin zur Fortbildung von Lehrkräften.
Die systematische Schreibförderung umfasst drei Bildungsprojekte der Stiftung Handschrift. Erstens den „Tag der Handschrift" als Wettbewerb mit breiter Beteiligung. Dieser jährliche Schreibwettbewerb richtet sich an Schülerinnen und Schüler der sechsten und siebten Klassen aller Schulformen in Hessen. Mit über 9000 eingesendeten handschriftlichen Briefen erreicht die Initiative eine beachtliche Reichweite. Eine Jury wählt die 100 interessantesten Beiträge aus, deren Verfasser:innen zur Preisverleihung im Museum Wiesbaden eingeladen werden.
Zweitens gibt es die Schreibpaten, die eine gezielte Förderung in Kleingruppen anbieten. Das Projekt ist aus dem Förderprogramm „Löwenstark – der Bildungskick!” hervorgegangen und hat sich als festes Bildungsangebot an Wiesbadener Grundschulen etabliert. Kinder der dritten und vierten Klassen, die Schwierigkeiten bei der Entwicklung einer flüssigen und lesbaren Handschrift haben, erhalten in kleinen Gruppen zusätzliche Unterstützung. Das didaktische Konzept sieht eine wöchentliche Doppelstunde im Schulunterricht über ein halbes Schuljahr vor, die von jeweils zwei Tutoren betreut wird. Begleitende Lernstandskontrollen dokumentieren die Entwicklung der Schreibkompetenz der teilnehmenden Kinder.
Drittens gibt es die Schreibmentoren, die Wissen an Lehrkräfte weitergeben. Das aktuellste Projekt der Stiftung konzentriert sich auf die Weitergabe der in den Schreibpatenschaften gewonnenen Erkenntnisse an Lehrkräfte. In einem Blended-Learning-Format können sich interessierte Pädagog:innen in zehn Modulen fortbilden und anschließend eigene Schreibwerkstätten an ihrer Schule etablieren. Das Fortbildungsangebot kombiniert Selbststudium mit Online-Seminaren. Die Stiftung unterstützt die Teilnehmenden nicht nur während der Kursphase, sondern auch bei der praktischen Umsetzung an den jeweiligen Schulen durch Schreibmentoren vor Ort.
Die Projekte bilden eine logische Abfolge: Der „Tag der Handschrift” weckt das Interesse am handschriftlichen Schreiben, die Schreibpaten bieten konkrete Hilfe für Kinder mit Schreibschwierigkeiten. Die Schreibmentoren sorgen schließlich durch entsprechend fortgebildete Lehrkräfte für die nachhaltige Verankerung der entwickelten Methoden im Schulalltag.
Dieser systematische Ansatz ermöglicht es, verschiedene Zielgruppen zu erreichen und sowohl präventiv als auch intervenierend zu wirken. Somit trägt die Stiftung Handschrift zur Stärkung der Schreibkompetenz in der hessischen Bildungslandschaft bei.
Welche Ziele verfolgt die Stiftung Handschrift?
Wir fördern die Entwicklung einer gut lesbaren und flüssigen Handschrift bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Damit wollen wir ihre Bildungschancen verbessern und ihre aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben stärken. Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, in der die Handschrift allen Menschen den Zugang zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe ermöglicht.
Herr Kroehl, herzlichen Dank für das Gespräch!








