Auf den Compass Talks der Messe Ambiente machte recozy-Mitgründer Finn-Maximilian Hillen auf ein Problem aufmerksam, das in der öffentlichen Debatte bislang wenig Beachtung findet: „Für mich ist es ein großes Ding, dass wir in den vergangenen Jahren immer wieder über die Auswirkungen der Fast-Fashion-Industrie gesprochen haben, aber eben nicht über die Auswirkungen von Fast Furniture“, sagte Hillen in seinem Vortrag. Die Zahlen, die er dort nannte, sind ernüchternd: Von den zweieinhalb Millionen Tonnen Möbelmüll, die jährlich in Deutschland anfallen, werden laut Hillen 90 Prozent deponiert oder verbrannt. „Das macht sie zur schlechtesten Kategorie der Haushaltsabfälle überhaupt“, so der Gründer.
Gleichzeitig verwies Hillen dabei auf das wachsende Bewusstsein der Verbraucher: Neun von zehn Konsumenten gäben an, dass ihnen Nachhaltigkeit wichtig sei, rund 60 Prozent nennten Nachhaltigkeit als Kaufkriterium bei Möbeln, und fast jeder Zweite wünsche sich mehr Transparenz über den Ressourceneinsatz. Bei recozy will man genau diese Lücke schließen.
Aus Lebensmittelverpackungen werden Möbelstücke und Dekorationsobjekte
Das Startup bezeichnet sich selbst als 3D-Fertigungsplattform mit Fokus auf Kreislaufwirtschaft. Das Prinzip: Lokale Plastikabfälle – etwa alte Lebensmittelverpackungen oder Haushaltsabfälle – werden zu Ausgangsmaterial für den 3D-Druck aufbereitet. In der Fertigung in Ganderkesee in der Nähe von Bremen bauen derzeit rund 100 Maschinen Schicht für Schicht Produkte auf einer Bauplatte auf. Dieses additive Verfahren nutzt, wie Hillen betont, nur die Materialmenge, die für das fertige Objekt tatsächlich benötigt wird – im Gegensatz zu subtraktiven Verfahren wie CNC-Fräsen, bei denen Material abgetragen und damit verschwendet wird.
„Vereinfacht gesagt wird so aus einer alten Lebensmittelverpackung ein hochwertiges Konsumgut oder eben aus dem Haushaltsabfall in der Region Amsterdam ein hochwertiges Möbelstück“, erklärte Hillen auf der Ambiente. Darüber hinaus ermögliche der 3D-Druck eine breite Palette an recycelten Kunststoffen als Rohstoff und eröffne gestalterisch neue Möglichkeiten, da die Produkte anders konstruiert werden könnten als bei herkömmlichen Verfahren. Dafür setzt man das Unternehmen unter anderem ein Sechs-Achs-Robotiksystem ein.
„Wir denken den kompletten Prozess, wie Konsumgüter entstehen, völlig neu. Wir hinterfragen den Materialeinsatz und wir fragen nach globalen Wertschöpfungsketten“, fasste Hillen den Ansatz zusammen. Das Unternehmen wolle sich bewusst von arbeits- und kapitalintensiven Herstellungsprozessen lösen und den gesamten Zyklus von Design über Produktion bis zum Recycling neu aufsetzen.
Messbare Ergebnisse
recozy untermauert seinen Ansatz mit konkreten Zahlen für das Jahr 2025: Laut Hillen hat das Unternehmen durch den Einsatz recycelter Ausgangsstoffe über 25.000 Kubikmeter Wasser eingespart – verglichen mit dem Einsatz nicht recycelter Kunststoffe. Mehr als 35 Tonnen Plastik-abfälle seien zu langlebigen Konsumgütern verarbeitet worden. In Summe seien daraus über 40.000 Produkte mit mehr als 200.000 Einzelteilen entstanden.
Laut Unternehmensangaben sitzen alle Lieferanten von Verbrauchsmaterialien in der EU, was europäische Beschäftigungsstandards sicherstellen und die Abhängigkeit von globalen Lieferketten verringern soll. Verpackungen bestünden überwiegend aus recycelter Pappe und Papier, auf nicht recycelte Kunststoffverpackungen werde überwiegend verzichtet. Der Versand erfolgt klimaneutral.
Vom Stuhl zum breiten Produktportfolio
Das Unternehmen startete mit eigenen Designobjekten – zunächst mit dem vielseitigen „Loom Chair“ – und hat sein Portfolio inzwischen erheblich erweitert. Vasen, Ornamente, Tisch- und Pendel-Leuchten gehören ebenso zum Angebot wie Beistelltische und Tischplatten. Die Produkte werden im eigenen Designstudio in Norddeutschland gefertigt, entweder selbst entworfen oder gemeinsam mit externen Designern entwickelt.
Ein weiteres Element ist der digitale Produktpass, den recozy in Zusammenarbeit mit dem Partner whatt.io anbietet. Ausgewählte Möbelstücke verfügen über einen NFC-Chip: Wird ein Smartphone daran gehalten, erhalten Nutzer Zugriff auf Informationen zu Herstellung, verwendeten Materialien, Pflege und Recycling des jeweiligen Produkts. Zudem nimmt recozy eigene Designobjekte am Ende ihres Lebenszyklus zurück, um sie zu recyceln – inklusive kostenlosem Rückversand und einem Gutschein als Gegenleistung.
Fertigungsplattform für andere Marken
Über das eigene Produktsortiment hinaus hat recozy sein Geschäftsmodell als Fertigungsplattform für Dritte ausgebaut. „Über die Zeit sind wir dazu gekommen, dass wir diese Attribute auch anderen Marken zur Verfügung stellen“, erklärt Hillen. Konkret bietet recozy laut eigenen Angaben nachhaltige und lokale Serienproduktion ab Stückzahl eins, die Umsetzung kompletter Interieurkonzepte sowie die Fertigung einzelner Komponenten an – jeweils ohne Mindestbestellmengen und mit kurzen Lieferzeiten.
Als konkretes Beispiel nannte Hillen die Zusammenarbeit mit Westwing: Seit 2024 produziert recozy unter anderem die Designpendelleuchte „Keani“, die Hillen als „in meinen Augen unvergleichliche Leuchte“ beschreibt. Ein weiteres Beispiel ist die Kooperation mit dem Energieversorger EWE. Dort hat recozy über 50 Point-of-Sale-Räumlichkeiten mit Leuchten, Schriftzügen, Komponenten und Dekorationsobjekten ausgestattet. Das Angebot erstreckt sich dabei auch auf den Bürobereich und umfasst CI-konforme Produktlösungen sowie individuelle Material- und Oberflächenentwicklung. Für andere Unternehmen werden beispielsweise Raumtrenner fürs Büro, Pflanzgefäße und Vorprodukte für die Couch-Produktion gefertigt.











