Ob Künstliche Intelligenz, Messenger-Dienste, Suchmaschinen oder Smartphones – die digitalen Werkzeuge des Alltags stammen überwiegend von Unternehmen außerhalb Europas. Dass dies ein Problem darstellt, sehen die Menschen in Deutschland laut einer aktuellen Befragung des Digitalverbands Bitkom mittlerweile nahezu einhellig so: 93 Prozent der Befragten halten Deutschland bei digitalen Technologien für abhängig von anderen Ländern. 79 Prozent fordern, der Staat solle stärker in digitale Schlüsseltechnologien investieren.
Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander
Trotz des breiten Wunsches nach mehr Eigenständigkeit bleiben europäische Angebote in der täglichen Nutzung eine Randerscheinung. Laut der Bitkom-Erhebung geben 14 Prozent der Befragten an, ein europäisches soziales Netzwerk zu nutzen. 13 Prozent verwenden nach eigener Aussage eine europäische Suchmaschine oder einen europäischen Browser, 11 Prozent einen europäischen Messenger. Bei KI-Anwendungen und Chatbots europäischer Herkunft sind es lediglich 6 Prozent, bei Smartphones europäischer Hersteller 5 Prozent.
Immerhin hat sich ein Drittel der Befragten (34 Prozent) bereits bewusst für einen digitalen Dienst oder ein Gerät aus Europa entschieden. Weitere 27 Prozent haben laut Bitkom zumindest schon einmal darüber nachgedacht. 34 Prozent geben hingegen an, sich mit der Frage bisher gar nicht beschäftigt zu haben.
Aufwand als größte Hürde
Der Hauptgrund für die Zurückhaltung liegt offenbar im praktischen Aufwand: 55 Prozent der Befragten empfinden einen Wechsel zu europäischen Anbietern als zu umständlich. Gleichzeitig sehen die Verbraucherinnen und Verbraucher durchaus auch sich selbst in der Pflicht. 87 Prozent sind laut der Umfrage der Meinung, dass sich die Menschen anpassen müssten, wenn Deutschland digital unabhängiger werden solle. 62 Prozent würden dafür sogar kurzfristige Nachteile in Kauf nehmen.
Bitkom fordert weniger Regulierung und mehr Kapital
Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst ordnet die Ergebnisse als Auftrag an Politik und Wirtschaft ein. Es brauche „mehr Investitionen und weniger Regulierung“, sagte er anlässlich der Veröffentlichung. Kritische Technologien, die nicht aus Europa stammten, müssten die europäischen Anforderungen an Sicherheit und Souveränität in der praktischen Anwendung erfüllen. Zugleich warnte Wintergerst davor, auf Alleingänge zu setzen: Kooperationen mit internationalen Technologieunternehmen „auf Augenhöhe“ seien unverzichtbar. Europa müsse digitale Technologien nicht nur entwickeln, sondern auch schneller skalieren und in die breite Anwendung bringen. Dafür seien eine innovationsfreundliche Regulierung, mehr Wachstumskapital und eine öffentliche Beschaffung nötig, die auch jungen Unternehmen Chancen eröffne.
Grundlage der Angaben ist eine repräsentativ angelegte Umfrage, die Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom durchgeführt hat. Dabei wurden 1004 Menschen in Deutschland ab 16 Jahren telefonisch befragt. Die Befragung fand im Zeitraum von KW 9 bis KW 12 2026 statt.









