Bereits zum fünften Mal konnten sich deutsche Städte aller Größenordnungen bewerben und ihr Engagement in Sachen Einsatz von Recyclingpapier unter Beweis stellen. Wir sprachen mit den Oberbürgermeistern der Siegerstadt Göttingen und dem Gewinner der Kategorie „Aufsteiger des Jahres“ Dessau-Roßlau über ihre Erfahrungen im Rahmen der Umstellung auf Recyclingpapier und ihren zukünftigen Vorhaben auf dem Weg zu mehr Umweltschutz.
Nachdem 2009 erstmals der Titel „Aufsteiger des Jahres“ vergeben wurde, konnte dieses Jahr Dessau-Roßlau die Auszeichnung gewinnen, indem die Stadt innerhalb eines Jahres rund 86 Prozent ihres Papierverbrauchs auf Recyclingpapier umstellte. Dessau-Roßlau ist eine kreisfreie Stadt im Land Sachsen-Anhalt mit rund 79 000 Einwohnern. Die Stadt hat derzeit circa 1200 Mitarbeiter, die an unterschiedlichen städtischen Standorten arbeiten.
Oberbürgermeister Klemens Koschig beschreibt die Anfänge der Umstellung: „Die Stadt Dessau-Roßlau unternahm bei der Umstellung auf Recyclingpapier erste Anfänge 2008. In einer dreimonatigen Testphase wurde für alle vorhandenen Geräte nur eine Sorte Recyclingpapier verwendet. Beim Einsatz dieses Papiers kam es zu verstärktem Verschleiß der Druck- und Kopiertechnik, was zu verstärktem Wartungseinsatz sowie höherem Betreuungsaufwand führte.“ Ein etwas holpriger Beginn, der aber die Verantwortlichen nicht ganz entmutigte. Man holte sich Unterstützung in Form von Gesprächen mit der Landeshauptstadt Magdeburg und dem vor Ort ansässigen Bundesumweltamt. Klemens Koschig fasst die Beratungen zusammen: „Im Ergebnis dieser Prüfung wurde 2010 recyceltes Kopierpapier nach den Vorgaben des Bundesumweltamtes und des Umweltamtes der Stadt Dessau-Roßlau für 2011 ausgeschrieben und wir entschieden uns letztlich für den Weißegrad ISO 80 DIN 6738, das entspricht einem gräulichen Papier.“
Seit 2011 hat die Stadt noch eine weitere Sorte recyceltes Papier in der Anwendung; die Sorte nach DIN 9706- ISO 135 – fast weißes Papier. Bei der Anwendung wurde laut Oberbürgermeister Koschig deutlich, dass sich eine generelle Umstellung in einigen Bereichen als problematisch erwies. So stellte sich bei Archivgut heraus, dass das angewandte Recyclingpapier schneller vergilbte und nicht lange haltbar war. Es wurde dann in einer Dienstberatung des Oberbürgemeisters festgelegt: „… bei der Papierbeschaffung ist darauf zu achten, dass für den internen Gebrauch Umweltpapier verwendet wird. Für den externen Schriftverkehr ist reinweißes Papier zu verwenden.“ Grundsätzlich werden jedoch die Ämter und Einrichtungen der Stadt Dessau-Roßlau, sowie alle Etagenkopierer der Verwaltung mit dem Recyclingpapier (DIN 6738 ISO 80) beliefert. Ausnahmen werden zum Beispiel für Urkunden und Zeugnisse in Schulen gemacht.
„In einigen Ämtern musste aber auch eine Mischvariante eingerichtet werden. So nutzen etwa die Ämter im Baubereich circa 70 Prozent Umweltpapier und 30 Prozent weißes Papier“, führt Klemens Koschig weiter aus. Im Gegensatz zu Göttingen erfolgt der Einkauf über die „Zentrale Beschaffung“, die beim Haupt- und Personalamt angegesiedelt ist. Die Resonanz der Mitarbeiter war wohl zu Anfang skeptisch, muss der Oberbürgermeister zugeben, sie habe sich aber im Laufe der Zeit in Akzeptanz gewandelt. Dass der ökonomische Faktor eine große Rolle für Städte und Gemeinden spielt, ist laut Oberbürgermeister Koschig nicht von der Hand zu weisen. In Dessau-Roßlau verabschiedete man gleichzeitig zur Einführung des Recyclingpapiers auch ein Druckerkonzept, um das Druckaufkommen zu minimieren. In Teilen ist dies wohl schon gelungen, muss aber intensiv nachgehalten werden.
Das Thema wird in regelmäßigen Abständen in den einschlägigen Arbeitskreisen und im Städte- und Gemeindebund aufgegriffen. Dabei wird deutlich, dass es unterschiedliche Herangehensweise dazu in den Kommunen gibt und es steht im Vordergrund, aus positiven Erfahrungen zu lernen.
And the winner is …
Göttingen ist eine Stadt mit rund 130 000 Einwohnern und 275-jähriger Universitätstradition. Als „Stadt, die Wissen schafft“ beherbergt das Oberzentrum Südniedersachsens drei Hochschulen und zahlreiche wissenschaftliche Einrichtungen mit internationaler Geltung. Göttingen zählt zurzeit rund 28 000 Studenten. Wir sprachen mit Oberbürgermeister Wolfgang Meyer über den Städtewettbewerb „Papieratlas“.
Herr Oberbürgermeister, wie haben Sie von dem Wettbewerb erfahren?
Vom diesjährigen Wettbewerb haben wir unter anderem durch ein direktes Anschreiben der Initiative Pro Recyclingpapier erfahren. Eingesetzt wird Recyclingpapier bereits seit vielen Jahren. Unser Abschneiden bei der letzten Teilnahme hat uns allerdings dazu motiviert, das Ergebnis möglichst deutlich zu verbessern.
Wir wird in Göttingen Papier eingekauft und wie gestaltete sich die Umstellung für die Mitarbeiter?
Die Bestellung von Papier erfolgt dezentral, die entsprechenden Bestellvordrucke sind im städtischen Intranet hinterlegt. Es gab vor Jahren vereinzelte Bedenken, aber keine wirklichen Umstellungsschwierigkeiten. Durch die Ausweichmöglichkeit auf alterungsbeständige, archivgeeignete Recyclingpapiere sowie auf Recyclingpapiere mit sehr hohem Weißgrad sind diese Papiere problemlos akzeptiert worden.
Wie sehen die Rückmeldungen der Bürger aus?
Die Bürger wissen sehr wohl zu schätzen, dass „ihre“ Stadtverwaltung bei der Beschaffung auf umweltfreundliche und ressourcenschonende Lösungen setzt. Kritik am verstärkten Einsatz von Recyclingpapier ist uns deshalb nicht zu Ohren gekommen.
Welche Papierqualitäten werden für die unterschiedlichen Bereiche der Stadtverwaltung eingesetzt?
Für den allgemeinen Schriftverkehr werden Recyclingpapiere mit 80er Weißegrad verwendet, in wenigen Bereichen findet Papier mit 100er Weiße Verwendung. Für archivwürdige Schriftstücke wird besonderes hochweißes RC-Papier verwendet.
Welche weiteren Schritte in Richtung Umweltschutz sind Sie in Göttingen schon gegangen?
Unsere Stadt gehört zu den 19 deutschen Kommunen, die konsequent am Masterplan 100 Prozent Klimaschutz arbeiten. Dazu gehört eine Fülle von Maßnahmen, die vor allem Energieeinsparung zum Ziel haben. Das reicht vom großen Millionenprojekt zur energetischen Sanierung einer Gesamtschule bis zu auch kleineren Eingriffen in den Arbeitsalltag: In unseren Büros gibt es keine Kühlschränke mehr. Wir reduzieren die Zahl der Drucker. Außerdem bilden wir Energiebeauftragte für Schulen aus und führen Klima-Werkstätten mit unseren Bürgern durch.
Haben Sie konkrete Ambitionen in Richtung des papierlosen Büros?
Das papierlose Büro ist ein ehrgeiziges Ziel. Wir halten es mit einer ganz banalen Weisheit: So viel Papier wie nötig, so wenig wie möglich.









