André Hund, Diplom-Kaufmann, Wirtschaftsjurist und Absolvent der New Work Masterclass, sprach dort an zwei Terminen vor zahlreichen Kunden des Fachhandelsunternehmens kurzweilig und abwechslungsreich über die Zukunft der Arbeit. Als früherer Geschäftsführer eines familiengeführten Büroeinrichtungsunternehmens und heutiger Coach weiß er, wovon er spricht. „Ich war 20 Jahre in der Büroeinrichtungsbranche, davon zehn Jahre in der Geschäftsführung – und wir haben uns damals schon intensiv mit dem Thema New Work beschäftigt“, erzählte er.
Heute berät Hund Unternehmen in Fragen von Führung, Transformation und Unternehmenskultur. Er erlebt, dass gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten viele Betriebe das Thema zur Seite legen. „Bosch, nur als Beispiel, baut 22.000 Arbeitsplätze ab – und viele in der Wirtschaft sagen: Wir haben jetzt andere Probleme. Aber genau dann“, betont Hund, „muss man sich fragen: Wie schaffen es mittelständische Unternehmen in solch einer Situation, mit einer zufriedenen, gesunden, produktiven und vielleicht auch treuen Belegschaft erfolgreich und effizient zu sein?“
„Arbeit war Qual und Pein“
Um das heutige Schlagwort New Work zu erklären, schilderte Hund, wie sich das Verhältnis zur Arbeit im Laufe der Geschichte immer wieder gewandelt habe. In der Antike galt Arbeit als „minderwertige Sklaventätigkeit“. Der Begriff – gut zu erkennen etwa im Französischen travail oder Spanischen trabajo – gehe in vielen europäischen Sprachen auf das lateinische tripalium zurück, ein Folterinstrument. „Arbeit war Qual und Pein“, so Hund. Die Reformation und Calvin gaben ihr dann einen moralischen Wert. Arbeit wurde zur Tugend, zum Zeichen von Disziplin und Gottesnähe. Hund: „Im Grunde hat Calvin damit den Grundstein gelegt für das, was wir heute Leistungsdenken nennen.“
Die „Old Work“ der Industriezeit habe diese Ethik dann weitergeführt – mit Hierarchien, Kontrolle und autoritärer Führung. „Früher hieß es: Die Mitarbeitenden sollen sich bitte auf die Stelle anpassen“, sagt Hund. „Heute fragen wir: Welche Stärken hat jemand – und wie kann ich eine Rolle darum herum gestalten?“ Diese Stärkenorientierung sei ein entscheidender Fortschritt moderner Arbeitskultur. Und damit war Hund bei seinem Kurzausflug durch die Geschichte der Arbeit dann auch schon in den 1970er Jahren angekommen, in denen der Sozialphilosoph und Anthropologe Frithjof Bergmann den New-Work-Begriff prägte. Die Idee: Menschen sollen „die Arbeit tun, die sie wirklich, wirklich tun wollen“, wie Hund es knapp zusammenfasste. „Das heißt aber nicht, dass jeder nur das macht, worauf er Lust hat“, erklärt Hund. „Aber Arbeit sollte sinnstiftend sein und die individuelle Entfaltung ermöglichen.“
Und Technologie solle dabei „ein Werkzeug für mehr Freiheit und Flexibilität“ sein, kein neuer Zwang. Vier Kräfte befeuerten derzeit den Wandel, so Hund: technologische Innovation, gesellschaftlicher Druck, ökonomischer Wettbewerb – und die Kultur. „Die Unternehmenskultur ist die Musik, die keiner hört, zu der aber jeder tanzt“, sagt er. Sie entscheide, ob neue Konzepte tragen oder an der Oberfläche bleiben.
Natürlich habe die Aufbruch-Stimmung der vergangenen Jahre nicht alle Unternehmen erfasst. „Man spürt gerade sogar seinen gewissen Backlash“, meint Hund. „Manche sagen: Jetzt ist’s mal gut mit dem ganzen New-Work- Kram. Aber ein Zurück wäre fatal.“ Alte Muster, autoritäre Führung, reine Präsenzkultur – sie feierten teils still ihr Comeback. Umso wichtiger ist es seiner Meinung nach, Haltung zu zeigen und neue Modelle zu erproben. Hund appellierte an die Anwesenden, New Work nicht als Mode oder Ideologie zu verstehen: „Man muss nicht auf die perfekte Konzeption warten. Wichtig ist, einfach mal anzufangen – und wenn’s nicht passt, nachzusteuern.“
Arbeit braucht ein „wo“
Gerade Führung verändere sich in diesem Kontext. „Führung heißt heute vor allem: zuhören – wirklich zuhören, ohne Schablonen.“ Wichtig sei dieser Gedanke insbesondere bei der heute in vielen Büros vorherrschenden hybriden Arbeit: „Hundert Prozent Präsenz ist selten optimal, aber hundert Prozent Homeoffice funktioniert auch nicht“, sagt Hund. Getreu dem Motto „Arbeit braucht ein Wo“ käme (Büro)- Räumen daher immer noch eine große Bedeutung zu, aber anders, viel flexibler als früher: Sie sollten „selbsterklärend sein – man sollte sofort erkennen, wo Kommunikation und wo Konzentration stattfindet“.
Vor diesem Hintergrund bot der Veranstaltungsort, der KreativRaum von Büro Jung, den passenden Rahmen: eine flexibel eingerichtete Arbeitsumgebung, die zeigt, wie New Work räumlich gelebt werden kann – ergonomisch, wohnlich agil und optisch ansprechend. Der Impulstag beim Büroconsulter Jung zeigte, wie Theorie und Praxis hier aufeinandertreffen können – in einem Rahmen, der die Teilnehmenden zum Nachdenken, Austauschen und Handeln einlud. Für Sandra Jung, Geschäftsführerin in dritter Generation beim 1936 gegründeten Unternehmen und André Hund waren die beiden Veranstaltungen auch eine Art Testlauf. Die beiden planen, ab dem kommenden Frühjahr in Mainz eine offene Workshop-Reihe anzubieten, in der es dann noch einmal detaillierter darum gehen soll, sich der eigenen Stärken bewusst zu werden oder wie eine inspirierende, effizientere Arbeitsatmosphäre geschaffen werden kann.








